Thomas Morgenstern: „… dann würde ich vielleicht heute noch springen“

Dass Thomas Morgenstern seine außergewöhnliche Skisprung-Karriere bereits im Alter von 27 Jahren beenden musste, war so eigentlich nicht geplant.

Aber ein schwerer Sturz am Kulm 2014 zwang den Olympiasieger, Weltmeister und Tourneesieger schließlich zum Aufhören.

„Wäre der Sturz nicht passiert, würde ich vielleicht heute noch springen. Der Sturz war schon ausschlaggebend für mein Karriere-Ende. Das hat mich viel nachdenken lassen“, erklärt der Kärntner im Interview mit der Straße der Sieger.

Morgenstern verrät außerdem, welche berühmte Persönlichkeit er gerne einmal treffen würde, was das Extremste war, das er jemals gemacht hat und was ihn nervös macht.

DIE STRASSE DER SIEGER: Wofür bist du besonders dankbar in deinem Leben?

Thomas Morgenstern: Ich bin für sehr vieles dankbar. Für meine Kindheit, für meine Eltern, die mich alles ausprobieren haben lassen – von Fußball über Skifahren bis hin zu Skispringen. Sie gaben mir die Möglichkeit, das zu finden, worin ich gut bin. Dann bin ich extrem dankbar für meine Karriere und meine Erfolge, die ich feiern durfte. Und letztlich auch dafür, wie mein Sturz ausgegangen ist. Ganz besonders dankbar bin ich auch dafür, eine gesunde Tochter zu haben, die mittlerweile schon 8 Jahre alt ist.

Würdest du rückblickend irgendetwas anders machen?

Ehrlich gesagt nicht. Gewisse Herangehensweisen würde ich vielleicht rückblickend etwas anders machen. Aber man wird ja auch älter und weiser. Über viele Dinge denke ich heute anders. Im Grunde ist es ein Lernprozess und ich finde, es ist alles gut so wie es gelaufen ist.

Auch das frühe Karriere-Ende?

Nein, das war eigentlich nicht mein Plan. Wäre der Sturz nicht passiert, würde ich vielleicht heute noch springen. Der Sturz war schon ausschlaggebend für mein Karriere-Ende. Das hat mich viel nachdenken lassen.

Und wahrscheinlich auch ausschlaggebend dafür, dass du nie überlegt hast, wieder zurückzukommen, oder?

Definitiv. Das war für mich immer klar ausgeschlossen.

Es ist Feueralarm: Was rettest du mit deinen zwei Händen?

Mein Flugbuch (lacht). Da stehen meine Flugstunden drin, das ist sehr wichtig für meine Pilotenlizenz. Dieses Buch gibt es nicht zweimal. Ansonsten ist alles materiell und austauschbar. Ich schaue meine Medaillen zwar gerne an, aber das hat nicht die oberste Priorität. Es geht um das Gefühl, das alles erlebt zu haben. Das ist im Kopf abgespeichert.

Welche Erfindung bewunderst du am meisten?

Luftfahrzeuge. Es ist faszinierend, wie sie gegen das Runterfallen ankämpfen. Wenn man bedenkt, dass man 100 Tonnen in die Luft bringt, ist das schon ein Wahnsinn.

„Irgendwann habe ich dann nur mehr gesagt, er solle bitte landen, weil ich sonst für nichts mehr garantieren kann.“

Morgenstern über sein extremstes Erlebnis

Wenn du eine Sache auf dieser Erde ändern könntest, welche wäre das?

Die sozialen Medien. Mich stresst das, weil man ständig präsent sein muss.

Mit welcher berühmten Person – tot oder lebendig – möchtest du an der Hotelbar mal was trinken und warum?

Mit Michael Jordan. Er hat die Sportwelt verändert und ist eine absolute Ikone. Sein ganzer Werdegang ist extrem beeindruckend. Er ist für jeden Sportler ein Vorbild.

Was würdest du in deinem Leben gerne noch lernen?

Gitarre spielen. Ich habe während des Lockdowns damit angefangen, also im Selbststudium, aber gleich mal wieder aufgegeben (lacht). Ich bin nicht sicher, ob man sich das so gut selbst beibringen kann.

Was war das Extremste, das du je in deinem Leben gemacht hast?

Ich habe einmal mit Matthias Dolderer einen Air-Race-Flug , einen sogenannten G-Flight, gemacht. Das hat mich körperlich an meine Grenzen gebracht bzw. fast ausgeknockt. Dabei habe ich am Anfang sogar noch blöd herumgescherzt, er solle ja ordentlich Gas geben und zeigen, was in der Maschine steckt. Wir sind dann +8G und -2G geflogen. Irgendwann habe ich dann nur mehr gesagt, er solle bitte landen, weil ich sonst für nichts mehr garantieren kann (lacht).

Wie zu seinen aktiven Zeiten: Thomas Morgensterns große Leidenschaft ist die Fliegerei.

Welchen Moment aus deiner Kindheit wirst du nicht mehr vergessen?

Ich war als Kind jeden Tag draußen und habe mit meinem besten Freund, der mein Nachbar war, hinter dem Haus im Wald Schanzen gebaut. Wir sind sogar bei Flutlicht gesprungen und haben die ganze Startliste abgearbeitet. Jeder war ein anderer Springer, es gab zwei Durchgänge und sogar Ergebnislisten. Mein Vorbild war immer Kazuyoshi Funaki.

Was macht dich nervös und warum?

Wenn ich mit meiner Tochter Hausübung mache und sie die ganze Zeit ablenkt und irgendetwas anderes tun will (lacht). Ich denke mir dann nur: „Mach‘s einfach schnell, es ist eh in kürzester Zeit erledigt.“

Vertraust du auf Rituale oder Aberglauben?

Während meiner Karriere habe ich schon lange auf Aberglauben vertraut. Aber gegen Ende hin habe ich versucht, genau das Gegenteil zu machen. Es gab am Balken immer einen klaren Ablaufplan, aber manchmal wollte ich da auch ausbrechen und nicht abhängig davon sein. Abhängig bist du nur von dir selbst. Ob ich die rechte Socke zuerst anziehe, ist vollkommen irrelevant.

Welche Dinge aus deiner Kindheit vermisst du am meisten bzw. hättest du gerne wieder zurück?

Die Unbeschwertheit und Lockerheit. Einfach raussagen, was man sich denkt. Man hat das ganze Leben noch vor sich und ist voller Energie. Manchmal denke ich mir: „Cool wäre es, jetzt in der 4. Klasse Volksschule einzusteigen und dann wieder mit 19 weitermachen.“ (lacht)

Welche drei Ratschläge würdest du deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben?

Bleib du selbst. Sei zielorientiert und fokussiert. Wenn ich zurückdenke, gehört es aber für eine erfolgreiche Karriere dazu, dass man gewisse Erfahrungen selbst macht. Würde ich mit dem Wissen von heute als 16-Jähriger in den Weltcup einsteigen, glaube ich nicht, dass ich besser gefahren wäre. Wenn du mit 16 schon alles weißt, wo willst du dich dann noch weiterentwickeln? Man muss auch mal gegen die Wand fahren.

Interview: Kurt Vierthaler